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Argumente gegen die B26n

„Wenn ein reiches Land wie Deutschland beim Naturschutz versagt, können wir kaum von Entwicklungsländern Anstrengungen erwarten“, meinte Bundesumweltminister Siegmar Gabriel vor Beginn der Naturschutzkonferenz in Bonn. Wenn die Politik solche Sprüche ernst meint, darf sie auch im eigenen Land die Natur nicht unter Autobahnen begraben. Schließlich geht es dabei nicht um die Rettung einzelner Tiere, sondern um die Erhaltung von deren Lebensräumen.

Landschaft

Ruheständler wie Singles ziehen laut «Main-Post» vom, 19. Mai 2008, Seite 25, vermehrt vom Land in die Städte. Grund ist unter anderem der gestiegene Kraftstoffpreis. Dies wird zu Entlastungen auf den Straßen führen. Wer noch glaubt, dass die Spritpreise wieder sinken, die Mobilität zunimmt und wir in Deutschland mehr Autobahnen brauchen, ist von gestern und schadet als Politiker seiner Partei! (Fachleute rechnen übrigens mit einer künftigen Jahressteigerung der Kraftstoffpreise um die 30 Prozent.)

Laut Süddeutscher Zeitung vom 17. Mai 2008 stellt der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG) ein zunehmendes Interesse am Schrebergarten fest. Interessant dabei ist, dass vor allem die junge Generation gemeinsam mit ihren Kindern lieber stressfrei im Garten bleibt, statt eine teuere, nervenaufreibende Autofahrt in ferne Gegenden zu unternehmen.

Trotzdem glauben Politiker immer noch daran, dass in Zukunft die Mobilität steigen werde, und die mit der Planung der B26n beauftragte Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft mbH hat für ihre Vorhersage des Verkehrsaufkommens ausschließlich die jüngere Generation berücksichtigt, weil sie dieser mehr Mobilität zuschreibt. Leider werden auf einer derartigen Basis dann politische Entscheidungen getroffen!

„Immer weniger Grundschüler im Landkreis haben Schwimmunterricht“, berichtet die «Main-Post» vom 19. Mai 2008 auf Seite 25, weil es immer weniger Schwimmbäder im Landkreis Würzburg gibt. Bäder werden geschlossen, weil sich die Gemeinden Unterhalt und Sanierung nicht mehr leisten können. Doch scheint dies kein singulärer Effekt des Landkreises Würzburg zu sein, denn laut DLRG steigen die Zahlen Ertrunkener in ganz Deutschland. Wäre es nicht vernünftiger, Schulschwimmbäder statt Autobahnen zu bauen. Geld könnte man auch in die Schulbildung stecken. Ist es nicht bemerkenswert, dass es in Bulgarien – wahrhaftig Bulgarien! – in diversen Altersgruppen prozentual mehr wissenschaftlich qualifizierte Fachkräfte gibt als in Deutschland?

Die Vielfalt im Tierreich ist weltweit binnen 35 Jahren um mehr als ein Viertel geschrumpft. Das geht aus dem Bericht Living Planet Index hervor, den die Umweltstiftung WWF zum Auftakt des Umweltgipfels in Bonn vorstellte. Allein die Wirbeltierarten gingen zwischen 1970 und 2005 um 27 Prozent zurück. Haben wir da nicht Anlass genug, den Lebensraum von noch nicht auf der Roten Liste stehenden Lebewesen zu schützen?

Wenn ein reiches Land wie Deutschland beim Naturschutz versagt, können wir kaum von Entwicklungsländern Anstrengungen erwarten

Wie Greenpeace im April 08 in einem Info-Rundbrief „Urwaldschutz ist Klimaschutz feststellt, verschwindet alle zwei Sekunden ein Stück Urwald so groß wie ein Fußballfeld. Das bedeutet nicht nur einen dramatischen Verlust von Lebensraum und Artenvielfalt, sondern auch ein gravierendes Problem für das Klima. Denn auf diesen Flächen wachsen nun Ölpalmen – also Energiepflanzen anstatt Nahrungsmitteln, damit die Reichen dieser Welt ihrer Mobilität frönen können. Sie heizen dabei die Umwelt zusätzlich auf, denn nur 20 Prozent der gewinnbaren Bioenergie sind als Treibstoff verfügbar, vier Fünftel werden aufgebraucht für Düngung, Pflanzenschutz und Maschineneinsatz.

Mit dem Bau der 45 Kilometer langen Strecke gehen bei einer Kronenbreite von 30 Metern und beidseitigen Böschungen oder Einschnitten von je 5 Metern nicht weniger als 180 Hektar Wald- und Ackerfläche verloren (das entspricht fast der Größe von fünf Bauernhöfen in der Region). Doch ist dies ja nur ein Teil des Schadens, denn die benachbarten Flächen sind schlechter erreichbar und schlechter nutzbar.

Diese neuerdings „B26n“ genannte Autobahntrasse zerstört nicht nur wertvolle Naturräume und gewachsene Kulturlandschaften, sie bringt auch keinen echten Nutzen. Denn eine Fahrt aus Richtung Schweinfurt oder Kassel nach Stuttgart oder Heilbronn wird über die neue Strecke um einen Kilometer länger als über das Biebelrieder Kreuz.

Da die B26n insgesamt mehr Nachteile – insbesondere für das nördliche Unterfranken – als Vorteile bringt, stellt sich schon die Frage, ob die Ausgabe von Steuergeldern in einer Höhe – einschließlich der notwendigen Anschlüsse und Zufahrten – zwischen 400 und 500 Millionen Euro (in neune 500-€-Scheinen ein Turm von 200 Meter Höhe) gerechtfertigt ist, zumal eine Prognose bestätigt, dass der derzeitige Ausbau der A3 den gesamten Verkehr aufnehmen kann.

Damit die Westumgehung trotzdem sinnvoll erscheint, weisen ihr die Planer der beauftragten Dr. Brenner Ingenieurgesellschaft mbH in ihrer Verkehrsuntersuchung für das Staatliche Bauamt Würzburg die Funktion eines „äußeren Stadtringes“ zu. Sie haben dabei offensichtlich Agglomerationen wie München, Frankfurt oder Köln im Sinn. Aber welcher Autofahrer aus unserer „Kapitale“ oder den Randgemeinden Würzburgs wird die Anschlussstellen bei Karlstadt, Duttenbrunn oder Hettstadt benutzen, wenn in wesentlich geringerer Entfernung Auffahrten bei Estenfeld, Rottendorf, Heidingsfeld, Kist oder Helmstadt bequem erreichbar sind?

Ortsumgehungen in der Region wären sinnvoller. Sie könnten vom heimischen Baugewerbe erstellt werden, das Geld bliebe im Land, statt es an europaweit aktive Großkonzerne mit Billigarbeitskräften zu verteilen. Und was die über Würzburger Innenstadtstraßen abkürzenden Mautpreller angeht, machen uns die Österreicher vor, wie man so etwas abstellt: mit einem Hinweis „Nur Ziel- und Quellverkehr“ vor den Autobahnausfahrten.

Es geht wirklich nicht darum, den letzten Laubfrosch oder die letzte Schachblume zu schützen, sondern deren Lebensraum. Auch Umsiedlungsprogramme, mit denen sich die Planer ein Alibi verschaffen, sind keine vernünftige Lösung. Unsere unterfränkische Landschaft birgt zwar keine zigtausende Quadratkilometer messenden Biotope, aber sie hat Besonderheiten, die es sonst nirgendwo in diesem Zusammenhang gibt. Zugegeben, Schachblume, Wiesenaugentrost oder Bläuling sterben weniger spektakulär als Wollnashorn oder Königstiger, aber sie sind ein unverzichtbares Glied der Schöpfung. Und wie können wir von der Bevölkerung im Tropengürtel der Erde erwarten, dass sie den Tropenwald schützt, wenn wir Europäer so tun, als gäbe es im Laden um die Ecke eine neue Erde, wenn die jetzige endgültig kaputt ist.

1,75 Millionen Spezies dieser Welt sind beschrieben, davon 400 000 Pflanzen, 5500 Säugetiere, 98 000 Vögel und 1 Million Insekten. Die große Mehrheit aber ist noch unerforscht. Wer ist sicher, dass nicht gerade dort, wo ein gigantisches Straßenbauprojekt eine Schneise in die Natur schlägt, für medizinische oder andere wissenschaftliche Zwecke unverzichtbares Leben unwiederbringlich vernichtet wird?

In den USA füllen sich wegen der hohen Kraftstoffpreise Busse und Bahnen. In Großstädten reichen die Sitzplätze in den öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr. Trotzdem glauben manche unserer Politiker immer noch, dass der Individualverkehr auf unseren Fernstraßen zunehmen wird und wir in Deutschland noch mehr Autobahnen brauchen.

77 Prozent der Italiener und 74 Prozent der Franzosen planen einen Sommerurlaub – von den Deutschen wollen nur noch 57 Prozent reisen, und zwar im eigenen Land. 43 Prozent bleiben gleich zu Hause, wo es bekanntermaßen am Schönsten ist. Diese von den hohen Energiepreisen verursachte dramatische Veränderung wird auch eine Entlastung der Fernstraßen bringen. Unbelehrbar und von vorgestern ist, wer da immer noch glaubt, dass sich die Fahrzeugströme nur durch eine B26n um Würzburg herumführen lassen. Weitsichtige Politiker haben sich schon längst auf die neue Situation eingestellt und denken nun an die Verbesserung der regionalen Straßenverhältnisse, zum Beispiel durch den Bau von Ortsumgehungen.

Die Deutsche Bundesbahn hat zwischen Januar und April 2008 dank der hohen Kraftstoffpreise 20 Millionen Kunden hinzugewonnen. Besonders gefragt waren ICE-Verbindungen, also überregionale Reisen, die davor fast ausschließlich auf Autobahnen zurückgelegt wurden. Da Experten für die nächste Zeit Steigerungen der Benzin- und Dieselpreise von jährlich 30 Prozent vorhersagen, wird sich der Umstieg vom Auto in den Zug noch beschleunigen. Es ist daher davon auszugehen, dass weitsichtige Politiker derartige Mammutprojekte wie die B26n in den Papierkorb befördern und statt dessen innerörtliche und regionale Straßen besser ausbauen lassen, von denen vor allem die heimische Bevölkerung profitiert und bei deren Bau heimische Unternehmen mit hiesigen Arbeitskräften zum Zuge kommen, statt internationale Konzerne mit Billigarbeitern beim Bau einer Autobahntrasse.